Fremd gehen

Theaterstück für 2 Personen (1995)

Hörspiel-Version unter dem Titel «Ableben», WDR, 1997

(…) 
Halbherr: Der Tod ist schrecklich. 
Preisel: Das Leben ist schrecklicher. Das lange Leben — voller Angst, voller — Versuche, und — Rückschläge — peinlich — Diese dauernde Demütigung — allein schon die Verdauung — verzeih — oder das — dieses Prostata — Ding und alles drumherum und auch sonst — immer riecht man irgendwie nach — Schweiß oder die Füße und die Haare und aus dem Mund. Und die Fingernägel werden schmutzig, und man hat Warzen und Fußpilz. Und die Zähne und schließlich — wird man krank, man hat Schmerzen und kann sich verdammt — kann sich verdammt noch einmal nicht wehren gegen diese dauernde Plagerei, diese Demütigung. — Verzeih — verzeih mir — verzeih. 
Halbherr: Du bist nicht — wir — — wir — zusammen können wir — leben. 
Preisel: Nein, nein. Ich habe keine — Gefühle — mehr. Ich habe keine — Ich fühle nichts. Es ist kalt. Es ist einfach — vorüber — schon lange. 
Halbherr: Aber ich — 
Preisel: Nur Ekel — und Scham. Es ist so — demütigend.

Schweigen.

Preisel: Man wird so schwach, so müde. Und es geht nie, nie — zu Ende, verdammt — jemand — jemand muß doch — Sonst geht es immer so weiter — Wir brauchen jemanden, der — Schluß macht. — Erlösung — Stille — — Ordnung. 
Halbherr: Aber tot! Man — du — spürst nichts mehr. — Erzähl mir noch einmal von meinem schweren Körper, von meinem Haar — 
Preisel: Nein. Das ist jetzt vorbei — ja.

Schweigen. 

Halbherr: Können wir nicht — irgend etwas zusammen — machen? Irgend etwas? Irgendwohin gehen, essen gehen, spazieren oder — du kannst auch — — wenn du willst — wir können zu mir nach Hause gehen — und wir können — versuchen — es — wir können es versuchen. 
Preisel: Nein, nein — dazu ist es zu spät. Ich habe alles vorbereitet, und ich wollte es so, und es ist — ich glaube — es ist gut, wenn man es über einen längeren Zeitraum betrachtet — — gut. 
(…)

 

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